PFLEGENOTEN SIND EIN AUSDRUCK ZEITGENÖSSISCHER KRANKHEIT

(ddp direct) Reimer Gronemeyer sprach am 11. März 2013 in der Justus-Liebig-Universität in Gießen über sein neustes Buch: „Das 4. Lebensalter – Demenz ist keine Krankheit“. Der Professor für Soziologe, der auch Theologe ist, bezieht darin auch klare Position zum Problem der Industrialisierung in der Pflege und geht der Frage nach, warum Pflegenoten zur Beurteilung von Pflegequalität in ambulanten Pflegediensten und in der stationären Pflege in eine Sackgasse führen.

FFA: Im Januar 2012 haben Sie in Berlin ein Referat über Pflegenoten gehalten, dessen Inhalte Sie auch in Ihrem neuen Buch ansprechen. Könnten Sie dazu etwas sagen?

Gronemeyer: Pflegenoten sind ein Ausdruck zeitgenössischer Krankheit. Wir meinen, uns sicher fühlen zu können, wenn wir etwas gemessen haben, wenn wir es standardisiert haben, wenn wir es evaluiert haben und qualitätskontrolliert haben. Der Umgang mit meinen Kindern oder der Umgang mit meiner Freundin – da kann man keine Punkte verteilen. Und genauso ist der Versuch, Pflegenoten zu geben eingestandenermaßen gescheitert. Ich kenne keinen, der der Meinung ist, dass das eine gute Idee war. Ein Kollege, der Interviews im Pflegeheim gemacht hat, hat mir neulich folgende Geschichte dazu erzählt. „Wie fühlen Sie sich hier?“ Alle fühlten sich ganz toll. Und am Schluss des Interviews hat dann eine der Interviewpartnerinnen, eine 85-jährige Dame gesagt: „Ist das Verhör jetzt zu Ende? Dann will ich jetzt mal sagen, was hier wirklich los ist.“

Im Pflegeheim sagt man als Betroffener schon einmal nichts Negatives. Das kann man sich gar nicht leisten. Schon gar nicht aus dieser Generation. Die 68er werden das vielleicht anders machen. Die Generation, die aus dem Nationalsozialismus kommt, die ist an Gehorsam gewöhnt, die widerspricht erst einmal nicht. Mit den Pflegenoten kriegt man nichts zu sehen, was einem irgendwie weiterhilft. Das wissen alle. Und von daher muss man sagen, weg damit. Einfach deswegen, weil diese Vorstellung, man könne das, was im Pflegeheim passiert, in Noten fassen, pervers ist.

Das ist ein Zwang, eine Idiotie zu meinen, man könne Missstände durch Kontrolle in den Griff kriegen. Wenn ein Pfleger bereit ist, einen alten Menschen zu quälen, dann wird er es auch mit Pflegenoten hinkriegen.

FFA: So ein Skandal ist z. B. im Saarland 2012 im Sommer passiert. Dr. Oliver Wermann vom MDK in Saarbrücken hat sich öffentlich darüber geäußert, dass der MDS (Medizinischer Dienst des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen e. V.) die Entscheidung, Pflegenoten einzuführen, ohne die bundesweite MDK-Gemeinschaft getroffen habe. Der MDK, wenn er es ernst meine, könne sich mit dem bestehenden Notensystem nicht identifizieren.

Gronemeyer: So ist es. Ich würde mal so sagen: Die Vorstellung einer Sicherheitsgesellschaft, man könne ein Pflegeheim konzernmäßig organisieren wie eine Fabrik mit TÜV und Zertifikaten, ist natürlich eine Bankrotterklärung.

FFA: Die in Pflegeheimen eingeführten Strukturen und die Technik sind perfekt, schreiben Sie in Ihrem Buch „Das 4. Lebensalter“, aber die Sinnhaftigkeit gehe dabei immer mehr verloren. Das Frankfurter Forum für Altenpflege, das Netzwerk der Heimleitenden, kam zustande, noch bevor die Pflegeversicherung 1996 in die stationäre Altenpflege eingeführt wurde. Damals waren noch die Kommunen die Hauptfinanziers der Altenhilfe. Und dann hat man die unternehmerisch denkenden Pflegekassen – und das kritisieren Sie ja in Ihrem Buch – zu Hütern über die hoheitlichen Aufgaben der Kommune gemacht. Damit haben die Kommunen wesentliche Teile der Versorgung ihrer älteren Bürger und der Menschen mit Demenz abgegeben. Die Kommunen waren daher nicht mehr für die Daseinsfürsorge ihrer Bewohner mit Demenz verantwortlich. Wir erleben ein Pflegesystem, das durch die Reduktion an Personal immer mehr zur Funktion verflacht ist.

Gronemeyer: Das ist völlig richtig. Es ist eigentlich so, dass man den Eindruck hat, die Geschichte mit der Pflegeversicherung ist wie mit der heutigen Privatisierung des Wassers. Es ist ja gut gemeint gewesen, aber es wurde nicht nachgedacht. Die Pflegeversicherung hat zur Vergeldlichung der Pflege geführt. Das hat seine Gründe darin, dass die Frauen durch Berufstätigkeit und die geografische Mobilität einfach nicht mehr zur Verfügung standen und stehen. Wir haben jetzt noch die Situation, dass die Pflege zu 80 Prozent zu Hause erbracht wird. Aber das wird in zehn Jahren nicht mehr so sein. Jedenfalls in diesem Modell so nicht.

FFA: Haben wir das Helfen unterdessen verlernt?

Gronemeyer: Wir sind es gewohnt, Hilfe an Profis abzugeben. Wir tun immer noch so, als wenn dieser Demenzbereich, der Pflegebereich rettungslos wachsen kann. Wir müssten eigentlich wissen, dass das nicht der Fall sein wird und dass wir uns Lösungen überlegen sollten, die auch ohne Geld gehen. Ich unterschätze überhaupt nicht die Schwierigkeiten, die damit einhergehen. Das ist ein Bruch, an dem wir stehen. Wir sehen ja, dass das mit der Institutionalisierung der Pflegebedürftigen nicht so weitergehen wird. Das Neue können wir zwar beschreiben, wir können sagen, was wir ungefähr brauchen: Wir brauchen eine wärmende Gesellschaft, eine Gesellschaft, in der die Menschen wieder bereit sind, sich um Andere in nachbarschaftlicher Bereitschaft zu kümmern. Aber wir können keinen Schalter umlegen, und dann ist es so, sondern das ist ein langer Weg.

FFA: Es gibt wissenschaftliche Studien darüber, die Selbstverständliches erforschen, dass man etwa in dörflich strukturierten Stadtteilen – eingebunden in die Nachbarschaft – seine Gebrechen als alter Mensch sehr viel besser ertragen könne. Gleichwohl sind solche, am Lebenszusammenhang orientierten Untersuchungen für Pflegedienste wichtig, weil deren Ergebnisse gegen die Pflegenoten und gegen das Management der Selbstverwaltung auf Bundesebene sprechen.

Gronemeyer: Wir haben an der Gießener Universität eine Studie über palliative Versorgung in Hessen gemacht. Wir haben alle befragt: Betroffene, Angehörige, Krankenschwestern. Und was ist dabei rausgekommen? Am wichtigsten ist am Lebensende Zeit, Dasein, Zuwendung. Und das wird im Alltag in der Pflege immer schwerer möglich. Und zwar nicht, weil die Pflegenden so böse sind, sondern weil sie es einfach nicht können. Da kommt dann auch noch die sicher berechtigte Klage über immer mehr Dokumentationszwänge hinzu. Eigentlich kann man sich da nur subversiv verhalten.

FFA: Die Dokumentation für die Pflegenoten bildet Leistungen ab, die in der Form und in dem Umfang mit dem vorhandenen Personal gar nicht leistbar sind.

Gronemeyer: Ich stelle mir dabei immer einen durchgegangenen Gaul vor, so hat es eigentlich niemand gewollt. Und jetzt sind wir an einem Punkt, an dem es einfach nicht mehr geht. Trotzdem wird noch ganz gut verdient dabei. Es gibt eben durchaus auch ökonomische Interessen, die das Ding in diese Richtung treiben. Man kann das Problem auch nicht lösen, indem man Pflegefälle exportiert und man kann das Problem nicht lösen, indem man Pflegekräfte importiert. Aber in diese Richtung geht es im Moment. Es geht in die falsche Richtung.

FFA: Bedeutet dies, dass die Politik aus einem System heraus agiert, in dem sie ohne Bodenhaftung nicht verantwortlich entscheidet?

Gronemeyer: Es ist ganz schwer zu sagen, wer jetzt eigentlich verantwortlich ist. Wir brauchen keine Teilneuerfindung für die Menschen mit Demenz. Wir brauchen sie für uns alle. Das Grundgefühl der Menschen heute scheint ja das der drohenden Einsamkeit zu sein. Nichts hält mehr, keine Beziehungen halten wirklich lange, alles zerfällt. Und wenn man Kinder, Erwachsene oder Alte anschaut, dann haben wir das Gefühl, dass die Fülle der Güter und des Konsums es nicht ist. Dieses Grundschmerzgefühl, das möchten wir eigentlich in wärmenden Beziehungen leben, von denen wir noch nicht so genau wissen, wie sie aussehen sollen. Das ist schwieriger geworden, weil wir so hochgradig hysterische Individualisten sind, die keine Konzessionen machen können. Die Konzessionen sind aber die Voraussetzung für ein gemeinschaftliches Leben. Wenn man als Single lebt, braucht man keine Konzessionen zu machen, wenn man mit Anderen zusammenlebt, muss man deren Macken ertragen und umgekehrt. Man muss ertragen können, dass der Eine ordnungsorientierter ist, der Andere ist lauter, der Dritte sagt überhaupt nichts, der Eine kocht, der Andere kann es nicht, aber das ist doch die Fülle des Lebens. Nur wenn wir diese Fülle wiederentdecken als etwas Schönes auch in dem, was uns manchmal stört, können wir leben. Dahin wird es gehen, ich bin da ganz optimistisch, dass es dahin gehen wird, weil es sonst gar nicht geht.

FFA: Haben Sie vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Beate Glinski-Krause

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