E-Mails nach Dienstschluss: Digitale Selbstkontrolle statt Sperren

Diskussion über die digitale Erreichbarkeit von Mitarbeitern: Maß halten und persönliches Medien-Management verbessern!

Sindelfingen, Dezember 2017. Für die einen ist es Effekthascherei, für die anderen dringende Notwendigkeit, wieder andere sprechen von Schikane: Mit seiner Forderung nach einer E-Mail-Sperre außerhalb der Arbeitszeiten hat Porsche-Betriebsratschef Uwe Hück eine schwelende Diskussion neu befeuert. Seine Argumentation: Immer mehr Mitarbeiter können nicht richtig abschalten, weil sie aufgrund ihrer durchgängigen E-Mail-Erreichbarkeit permanent im Standby-Modus leben. Daher fordert Hück, dass Mails, die abends und in den Nachtstunden eintreffen, mit einem entsprechenden Vermerk der Nichtverfügbarkeit des Adressaten automatisch beantwortet und dann gelöscht werden. „Wichtige Mails müsste der Absender halt tagsüber nochmal schicken, so der Betriebsrat. Allerdings soll es Ausnahmeregeln geben, etwa für die Spätschicht oder für Kollegen, zu deren Jobs die Kommunikation mit China oder den Vereinigten Staaten gehört, also Märkten in anderen Zeitzonen“, berichtet dazu die Frankfurter Allgemeine Zeitung (http://www.faz.net). „Ein in Ansätzen ähnliches System gibt es beim Autohersteller Daimler. Dort können Mitarbeiter ihr Mailkonto so einstellen, dass die elektronische Post im Urlaub automatisch gelöscht und der Absender informiert wird. Das beruht aber auf Freiwilligkeit – eine Pflichtvorgabe gibt es nicht“, so die Zeitung.

Das Problem ist die Erwartungshaltung

Während von Gewerkschaftsseite Zustimmung zum Vorschlag des Porsche-Betriebsrats kommt, üben Arbeitgeber Kritik: „So eine generelle Forderung ist Populismus pur“, sagte der Sprecher des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall, Martin Leutz, der Passauer Neuen Presse (http://www.pnp.de). Dabei liegt das eigentliche Problem nicht beim puren Schreiben und Senden einer E-Mail, sondern in der Erwartungshaltung beider Seiten, dass diese so schnell wie möglich beantwortet werden müsse. Von diesem vermeintlichen Zwang sollte man sich lösen, denn dann ist es mit der Erholung nach Dienstschluss in der Tat nicht weit her. Jörg Mornhinweg, Sales Manager der auf Consulting und Java-Schulungen spezialisierten aformatik Training & Consulting GmbH & Co. KG (http://www.aformatik.de) in Sindelfingen, versachlicht die Diskussion: „Die E-Mail ist grundsätzlich ein ideales asynchrones Kommunikationsmittel, bei dem sichergestellt ist, dass der Adressat die Nachricht erhält, sie aber durchaus zeitversetzt beantworten kann. Das kann natürlich unmittelbar geschehen, muss es aber definitiv nicht. Und man sollte das auch nicht erwarten. Die E-Mail ersetzt den guten alten Brief, dessen Beantwortung auch einige Tage in Anspruch genommen hat. Ähnlich dürfen auch die Ansprüche an die E-Mail sein.“ Da es sich bei geschäftlichen E-Mails um Korrespondenz im Firmenaccount handele, könne niemand erwarten, dass diese auch abends spät beantwortet werden.

Dringende Nachrichten kommen nicht per E-Mail

Mornhinweg hält den Vorschlag der E-Mail-Sperre daher für Schikane für den Absender und sieht darin einen übertriebenen Schutz für den E-Mail Empfänger. „Für wirklich dringende Nachrichten, um zum Beispiel kurzfristig Termine abzusagen, gibt es immer noch das Telefon oder Mobiltelefon. Da kann sich der Mitarbeiter entscheiden, ob er ran geht oder den Chef auf die Mailbox sprechen lässt.“ Er verweist auf den Kommentar des Leiters der Wirtschaftsredaktion der Augsburger Allgemeinen (http://www.augsburger-allgemeine.de), Stefan Stahl, der anlässlich der Hück-Forderung davor warnt, das rechte Maß zu verlieren und für mehr digitale Selbstkontrolle plädiert. Der permanent erreichbare Mitarbeiter sei eine „Horror-Vision aus dem digitalen Frankenstein-Kabinett“, schreibt Stahl. „Im digitalen Zeitalter muss jeder sein eigener Medien-Manager sein. Dazu gehört reichlich Selbstdisziplin.“

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