Verlängern, abfinden, wiederholen. Warum die Eintracht ein Aufsichtsratsproblem hat.

Verlängern, abfinden, wiederholen. Warum die Eintracht ein Aufsichtsratsproblem hat.

Personelle Entscheidungen sollten von denen getroffen werden, die auch künftig in der Verantwortung stehen.
Diesen Satz hat der Aufsichtsratsvorsitzende von Eintracht Frankfurt im Mai 2024 …

BildAm Dienstagabend schloss das Transferfenster. Die Eintracht hat ihre Innenverteidigung mit Otavio und Lilian Brassier neu besetzt, mit Noah Atubolu die Torwartfrage gelöst, mit Raphael Onyedika und Noel Aseko das Mittelfeld ergänzt. Nicht gekommen ist ein Stürmer. Die geplante Rückkehr von Arnaud Kalimuendo scheiterte, Elye Wahi stellte sich einem Wechsel entgegen, Jean-Matteo Bahoya ging per Leihe nach England, Hugo Larsson per Leihe mit Kaufverpflichtung zum FC Fulham. Die hessenschau spricht von einem in den Sand gesetzten Transfersommer und stellt die Frage, die auch mich beschäftigt: Wo sind die Millionen? Über achtzig Millionen Euro Einnahmen allein aus den Abgängen von Nathaniel Brown und Aurèle Amenda, dem gegenüber vierzig Millionen Euro Ausgaben.

Ich schreibe diesen Beitrag nicht als Fan-Kritik. Ich schreibe ihn, weil hier ein Muster sichtbar wird, das ich aus der Beratung von Aufsichtsräten und Gesellschaftern kenne, und das nichts mit Fußball zu tun hat.

Zunächst die Zahl, die den Anlass gibt. Nach kicker-Informationen beliefen sich die Vorstandsgehälter der Eintracht Frankfurt Fußball AG im Geschäftsjahr 2024/25 auf etwa zehn Millionen Euro, bei einem Gesamterlös von 389 Millionen Euro. Im Geschäftsjahr davor waren es rund drei Millionen Euro weniger. Der Anstieg innerhalb eines Jahres liegt damit in der Größenordnung von vierzig Prozent, bei einem vierköpfigen Vorstand.

Ich sage ausdrücklich: Diese zehn Millionen haben den Transfersommer nicht ruiniert. Ein einzelner Stürmertransfer kostet in Frankfurter Größenordnungen mehr. Wer hier eine Kausalität behauptet, argumentiert unsauber und wird zu Recht widerlegt. Die relevante Frage ist nicht die Höhe. Sie lautet: nach welchem Verfahren, mit welcher Verantwortungszuordnung, und mit welcher Transparenz gegenüber denen, die das Kapital stellen.

Erster Punkt, die Vorfestlegung.

Der Vertrag von Sportvorstand Markus Krösche lief bis 2025 und wurde im April 2024 vorzeitig bis zum 30. Juni 2028 verlängert. Verantwortet hat das der damalige Aufsichtsratsvorsitzende Philip Holzer, der die Entscheidung mit Kontinuität begründete und von einem sehr starken Signal sprach.

Am 18. Mai 2024, rund vier Wochen später, gab Holzer seinen Rücktritt bekannt, wirksam zum 30. Juni. In seiner Erklärung führte er aus, in den kommenden Monaten stünden strategische und personelle Entscheidungen an, deren Wirkung weit über seine bis Sommer 2025 laufende Amtszeit hinausreiche. Es sei daher folgerichtig, dass diese von dem Personenkreis gestaltet würden, der auch in Zukunft in der Verantwortung stehe.

Diesem Grundsatz ist nichts hinzuzufügen. Er ist gute Governance in einem Satz. Nur war die Verlängerung eines Vorstandsvertrags um vier Jahre genau eine solche Entscheidung, und sie war zu diesem Zeitpunkt bereits getroffen, mit einer Bindungswirkung, die auch bei regulärem Amtsende drei Jahre über seine Amtszeit hinausgereicht hätte.

Ich unterstelle Philip Holzer keine Absicht, und seine Verdienste stehen nicht zur Debatte, der Klub hat sie ausdrücklich gewürdigt. Der Befund ist struktureller Natur: Selbst ein Vorsitzender, der das Prinzip klar erkennt und öffentlich formuliert, hat es wenige Wochen zuvor in der Praxis nicht angewendet. Das spricht weniger gegen die Person als für das Fehlen eines Mechanismus, der diese Frage vor der Beschlussfassung erzwingt.

Zweiter Punkt, die Gremienarbeit.

Zur Ausführung dieser Verlängerung hat der Hessische Rundfunk berichtet, sie sei durchwachsen gewesen, es habe internen Ärger gegeben, der über den Boulevard öffentlich wurde. Berichtet wurde weiter, Vorstandssprecher Axel Hellmann habe von der Entscheidung erst durch die Pressekonferenz erfahren und sein Unverständnis schriftlich an den Aufsichtsrat gerichtet. Sollte das zutreffen, ist es kein Kommunikationsdetail, sondern ein Hinweis auf die Arbeitsweise eines Kontrollgremiums bei einer seiner Kernkompetenzen.

Dritter Punkt, die Kosten der Bindung.

Nach aktueller Medienberichterstattung wird eine vorzeitige Trennung von Krösche als wahrscheinlich beschrieben, die Bild berichtet von einem Abgang noch in diesem Jahr. Ich bewerte das nicht sportlich. Ökonomisch bedeutet es: Ein Klub, dem am Deadline Day die Mittel für einen Angreifer fehlten, finanziert dann knapp zwei Jahre Restlaufzeit eines Vertrags aus, den er selbst vorzeitig geschlossen hat. Solche Beträge fließen nicht in Wertschöpfung, sondern in die Auflösung eigener Vorfestlegungen.

Dazu passt die Struktur des Larsson-Abgangs. Wer einen Stammspieler verleiht und die Ablöse über eine Kaufverpflichtung in die Zukunft verschiebt, hat die sportliche Lücke sofort und die Mittel erst später. Das ist eine legitime Konstruktion, sie verstärkt aber die Frage, welche Zahlungsverpflichtungen dieser Klub im laufenden Geschäftsjahr noch bedient, und welcher Anteil davon auf Vorstandsverträge entfällt.

Vierter Punkt, die Verschränkung von Eigentümer und Kontrolle.

Mathias Beck wurde 2024 zum Präsidenten des Eintracht Frankfurt e.V. gewählt und ist zugleich Vorsitzender des Aufsichtsrats der Eintracht Frankfurt Fußball AG, deren Hauptaktionär der Verein ist. Das ist kein Einzelfall einer Doppelrolle. Dem Aufsichtsrat gehören daneben weitere Vereinsfunktionäre an, unter anderem das geschäftsführende Präsidiumsmitglied und der Schatzmeister des e.V. Das Gremium, das die Vorstandsverträge verhandelt und deren Angemessenheit prüfen muss, ist damit in erheblichem Umfang mit denselben Personen besetzt, die auf der Eigentümerseite agieren. Bestellt wurde dieser Aufsichtsrat für fünf Jahre, Beck einstimmig als Vorsitzender.

Das ist ausdrücklich kein Vorwurf an Einzelpersonen. Vereinsnähe im Aufsichtsrat ist bei mitgliedergeführten Klubs strukturell angelegt und rechtlich zulässig. Der Punkt ist ein anderer: Je stärker Eigentümer- und Kontrollfunktion personell zusammenfallen, desto weniger kann die Angemessenheitsprüfung von Vorstandsvergütungen aus einer unabhängigen Position heraus erfolgen.

Hinzu kommt die Durchlässigkeit über die Zeit. Axel Hellmann war von 2001 bis 2012 Präsidiumsmitglied und Geschäftsführer des e.V., bevor er 2012 in den Vorstand der AG wechselte, dessen Sprecher er seit 2021 ist. Am 3. Juni 2026 wurde sein Vertrag bis 2031 verlängert, wirksam zum 1. Juli 2026, beschlossen von einem Gremium, dessen Vorsitzender die zurückliegende Saison in derselben Pressekonferenz selbst als nicht gut bezeichnete. Zur Vergütungshöhe existieren Medienberichte, bestätigt ist sie nicht, und ich stütze mein Argument nicht darauf.

Fünfter Punkt, die laufende Machtverschiebung.

Nach einem Bericht der Bild wird im Klub derzeit nicht nur über die Zukunft des Sportvorstands diskutiert, sondern auch über die Einführung eines Vorstandsvorsitzes. Sollte es dazu kommen, wäre das keine Titelfrage. Aus einem Sprecher unter Gleichen würde ein Vorsitzender mit erweiterter Leitungsfunktion, wenige Monate nach einer Fünfjahresverlängerung, beschlossen von einem Gremium, dessen Vorsitzender zugleich den Hauptaktionär führt. Machtkonzentration ist nicht per se falsch. Sie erfordert aber ein Kontrollgremium, das unabhängig aufgestellt ist, und genau diese Unabhängigkeit ist hier strukturell eingeschränkt.

Was ich daraus ableite, sind vier konkrete Punkte.

Erstens: individualisierte Offenlegung der Vorstandsvergütung für Klubkapitalgesellschaften ab hundert Millionen Euro Umsatz. Borussia Dortmund leistet das als börsennotierte Gesellschaft seit Jahren. Es ist zumutbar.

Zweitens: Offenlegung der Abfindungsobergrenzen laufender Vorstandsverträge. Der Deutsche Corporate Governance Kodex empfiehlt eine Begrenzung auf zwei Jahresvergütungen und höchstens die Restlaufzeit. Ob solche Caps in Frankfurt vereinbart sind, weiß derzeit niemand außerhalb des Gremiums.

Drittens: Ausweis des Verhältnisses von Verwaltungsvergütung zum Personalaufwand Spielbetrieb, als Steuerungsgröße und als Kennzahl im Lizenzierungsverfahren.

Viertens, und das ist der wirksamste Hebel: eine Selbstbindung des Aufsichtsrats, keine Vorstandsverträge zu verlängern, deren Laufzeit die eigene Amtsperiode wesentlich überschreitet, ohne dass die künftig Verantwortlichen eingebunden sind. Genau das hat Philip Holzer 2024 selbst gefordert. Dazu eine kritische Zahl unabhängiger Mitglieder ohne Amt auf Vereinsseite, und die Trennung von Vereinspräsidentschaft und Aufsichtsratsvorsitz. Dieser letzte Punkt liegt nicht beim Aufsichtsrat, sondern bei der Mitgliederversammlung, denn sie wählt das Präsidium.

Ein Schlusswort zur Einordnung.

Ich halte die wirtschaftliche Entwicklung der Eintracht Frankfurt für eine der bemerkenswertesten Leistungen im deutschen Profifußball des letzten Jahrzehnts. Die Mitglieder haben diesen Weg mitgetragen, unter anderem mit einer einstimmig beschlossenen Kapitalerhöhung über 25,7 Millionen Euro. Genau deshalb ist dieser Beitrag keine Abrechnung. Erfolgreiche Organisationen scheitern selten am Markt. Sie scheitern an Gremien, die im Erfolg aufhören, unbequeme Fragen zu stellen.

Ein Klub mit Rekordumsatz, Kapitalerhöhung und internationaler Teilnahme, der am Deadline Day keinen Angreifer finanzieren kann, hat kein Erlösproblem. Er hat eine Frage der Mittelallokation zu beantworten, und die richtet sich an das Gremium, das über Verträge, Laufzeiten und Vergütungen entscheidet.

Wer die Mitglieder um Kapital bittet, schuldet ihnen die Zahlen. Und ein Kontrollgremium, das sich nicht selbst kontrolliert.

Gregor Ghirmay

#CorporateGovernance #Aufsichtsrat #Vergütung #Sportbusiness

Verantwortlicher für diese Pressemitteilung:

Gregor Ghirmay Executive Advisory & Sports Management
Herr Gregor Teamrat Ghirmay
Auf der Scheib 6a
65439 Flörsheim
Deutschland

fon ..: +49 6145 546 1701
web ..: https://www.boardadvisoryconsulting.de/
email : office@ghirmay-executiveadvisory.de

Als spezialisierter Berater unterstütze ich Mittelstand, Finanzdienstleister, Hidden Champions sowie Private-Equity- und DAX-Unternehmen im DACH-Raum bei der Besetzung kritischer C-Level-, VP- und Führungspositionen “ in klassischen Suchmandaten ebenso wie in ausgewählten „Emergency“-Suchen mit klar definierten Timelines von 6-8 Wochen. Ergänzend berate ich zu Aufsichtsrats- und Beiratsbesetzungen sowie zu Governance- und Nachfolgefragen und begleite Führungskräfte in Übergangs- und Neuorientierungsphasen.

Statt anonymer Datenbanken setze ich auf gezielte Direktansprache, fundierte Beurteilung von Eignung und Kulturfit sowie ein belastbares Netzwerk. Jedes Mandat führe ich persönlich “ ohne Übergabe an Research-Teams und in bewusst begrenzter Zahl. So gewinnen Sie Führungspersönlichkeiten, die fachlich exzellent sind und zugleich zu Ihrer Organisation und Strategie passen.

Vertrauen Sie auf meine Erfahrung in Executive Search, Governance-Beratung und Unternehmensberatung, um die richtigen Köpfe für die nächste Entwicklungsstufe Ihres Unternehmens zu gewinnen.

Pressekontakt:

Gregor Ghirmay Executive Advisory & Sports Management
Herr Gregor Teamrat Ghirmay
Auf der Scheib 6a
65439 Flörsheim

fon ..: +49 6145 546 1701
email : office@ghirmay-executiveadvisory.de